Digitale Gesundheitsanwendungen

Veröffentlicht am 06.02.2022 in Arbeitsgemeinschaften

Die „App auf Rezept“: Rohrkrepierer oder Raketenstarter?

Enes-Batuhan Baskal
Enes-Batuhan Baskal

Enes-Batuhan Baskal ist Mitglied im ASG Landesvorstand Baden-Württemberg und Master im Bereich Digitale Transformation und Management. Er sagt: Digitale Gesundheitsanwendungen bieten erstmals einen geschützten Rahmen, in dem Daten aus der alltäglichen Versorgung systematisch gesammelt werden können. Aber es gibt noch viele Schwachstellen, vor allem beim Zulassungsprozess. 

Seit Oktober 2020 können Ärzte und Psychotherapeuten Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) bei Patientenleiden verordnen. Im Gegensatz zu frei erhältlichen Gesundheitsapps, sind bestimmte Kriterien zu erfüllen, damit die Kosten von den Gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden. Hersteller haben dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin nachzuweisen, dass die App einer niedrigen Risikoklasse angehört (I bis IIa), selbstständig durch den Patient genutzt werden kann, auf einer digitalen Technologie beruht und abschließend einen medizinischen Nutzen hat oder zu einer patientenrelevanten Verfahrens- und Strukturverbesserung beiträgt. Blickt man nach über einem Jahr später auf die Zahlen und Diskussionen ergibt sich ein gemischtes Bild. 

Aktuell sind 28 DiGA über verschiedene Erkrankungsbilder zugelassen. Besonders viele Anwendungen können (12 von 28) im Bereich der psychischen Erkrankungen verschrieben werden. Gerade hier können viele Patienten aufgrund der langen Wartezeit auf einen Therapieplatz durch die DiGA profitieren. Mit 45.000 Downloads bei über 1 Milliarde Arztkontakte und 500 Millionen Verordnungen spielen die Apps in der Versorgung vergleichsweise eine geringe Rolle. Dabei könnte man mit wenigen Änderungen die DiGA zum Erfolg verhelfen. Mehr Patienten würden davon profitiere, ihre Gesundheit könnte dadurch verbessert werden. 

Ärzte und Therapeuten sind völlig außen vorgelassen

Ein Erfolgsfaktor sind die Ärzte und Therapeuten. Bislang sind sie im Zulassungsprozess völlig außen vorgelassen. Den Herstellern fehlt die Vernetzung mit den Leistungserbringern, die im Versorgungsalltag die Anwendungen verschreiben sollen. Diese wünschen sich aber klare und vor allem neutrale Informationen ihrer Fachgesellschaften über den Nutzen und die leitliniengerechte Anwendung. Eine enge Einbindung und der gemeinsame Austausch, würde zu mehr Verständnis und in der Folge zu höheren Verschreibungszahlen führen. 

Durchschnittlich über 400 Euro pro Quartal und Patient

Damit einhergehend muss auch die „vorläufige Zulassung“ einer App, welche im Vorfeld den Nutzen noch nicht vollständig nachweisen muss, überarbeitet werden. Patienten sind keine Testobjekte. Natürlich kann man argumentieren, dass Apps eine niedrige Risikoklasse haben und dem Patienten somit kaum einen Schaden zufügen. Gepaart mit fehlender Gesundheitskompetenz und einem eingeschränkten Zugang zu Leistungserbringern, können sich jedoch durchaus Risiken für den Patienten ergeben. Diese sollten im Vorfeld durch evidenzbasierte Nutzennachweise und Leitlinien minimiert werden. Letztlich sollte sich der Preis eben ausschließlich am Nutzen orientieren. Mit durchschnittlich über 400 Euro pro Quartal pro Patienten sind die Preise den Ärzten und Therapeuten nur schwer vermittelbar, diskutieren wir doch seit Längerem die Stärkung der „sprechenden Medizin“, die im Gesundheitswesen im Vordergrund stehen sollte. 

Chance für kluge und lebensrettende Maßnahmen ergreifen

Hier liegt jedoch ein großes Potenzial. Bislang wurden Daten via Smartphones oder Fitnessuhren durch große Tech-Konzerne gesammelt. Durch die DiGA haben wir erstmals einen geschützten Rahmen, in dem Daten aus der alltäglichen Versorgung systematisch gesammelt werden können (Real-World-Evidence). Eine intelligente Verknüpfung mit Abrechnungsdaten der Krankenkassen, klinischen Daten aus der Forschung und weiteren Datenquellen, kann Deutschland zum Vorreiter beim Aufbau eines großen demokratisch geregelten Ökosystem für Versorgungsforschung machen. Die Corona-Pandemie hat im 21. Jahrhundert eindrücklich gezeigt, dass Daten die Chance für kluge und lebensrettende Maßnahmen sind. Wir sollten sie ergreifen, bevor es andere tun.

 

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