Verbleib und Rückkehr in den Pflegeberuf

Veröffentlicht am 23.11.2022 in Arbeitsgemeinschaften

Es gibt sie: Pflegedienste und -heime, in denen die Mitarbeiter viele Jahre motiviert arbeiten und gesund in Rente gehen. Was machen sie besser als andere? Die ASG hat das Thema gute Arbeit in der Pflege aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.  

In Singen haben Wissenschaftler und Praktiker darüber gesprochen, was für den Verbleib und die Rückkehr in den Pflegeberuf ausschlaggebend ist. Hier eine Zusammenfassung der Veranstaltung. Die ASG wird die dort vorgetragenen Forderungen auswerten und darlegen, was von Kommune, Bund und Land getan werden muss, um gute Arbeit in der Pflege zum Normalfall zu machen. 

 Wer sich die Statements und Diskussionsbeiträge in voller Länge ansehen möchte, kann einfach auf Namen klicken.

 

Christoph Bräutigam, Pflegewissenschaftler und langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkts Arbeit & Wandel am IAT Gelsenkirchen stellte die Ergebnisse einer Potenzialanalyse zur Berufsrückkehr und Arbeitszeitaufstockung von Pflegefachkräften vor. In dieser Studie der Hans-Böckler-Stiftung, haben die Arbeitskammer des Saarlandes, die Arbeitnehmerkammer Bremen und das Institut für Arbeit und Technik nachgefragt, ob und unter welchen Bedingungen ausgestiegene Pflegefachpersonen wieder in den Beruf zurückkehren oder ihre Arbeitszeit aufstocken würden.  Ergebnis der Studie: Wenn die Arbeitsbedingungen stimmen, könnten mehr als 300.000 Vollkräfte in den Pflegeberufen gewonnen werden. Und die werden dringend benötigt. Der Bedarf an professioneller  Pflege steigt. Bereits heute fehlen mehr als 100.000 Vollzeitkräfte.  Bräutigam sieht Bedarf Politik, Betrieb und Individuelle Ebene miteinander zu verschränken. Die Politik müsse Systementscheidungen treffen und nicht nur reparieren. Führungskultur und Kompetenzen seien im Betrieb zu stärken. Pflegekräfte sollten nicht auf Lösungen von außen warten, sondern auf ihre eigene Mächtigkeit setzen und sich noch mehr in Gewerkschaft oder Berufsverbänden engagieren. 

Aus der Praxis wurde die Bedeutung der Arbeitsbedingungen für den Verbleib im Beruf bestätigt. Claudia Brackmeyer, leitet seit über 25 Jahren einen ambulanten Pflegedienst. Sie setzt vor allem auf einen verlässlichen Dienstplan. Der Einsatz von „Springern“ und weiterer organisatorischer Maßnahmen verhindert ein Holen aus der Freizeit. Bei der Dienstplanung werden die Wünsche der Mitarbeiter:innen weitgehend berücksichtigt. Kündigungen gibt es in der Einrichtung kaum. In diesem Jahr scheiden nur drei der etwa 60 Beschäftigten aus. Und das nur weil sie in Altersrente gehen. Brackmeyer fordert von den Pflegeeinrichtungen ein generelles Umdenken und von den politischen Entscheidern mehr Unterstützung für gute Pflege. Dazu gehöre auch eine entsprechende Finanzierung.

Mathias Rieger ist Altenpfleger in einer stationären Einrichtung in Munterkingen. 

Er plädiert dafür weniger auf umfangreiche Dokumentation zu achten und statt dessen gute Pflege stärker in den Blick zu nehmen. Auch in seiner Einrichtung gibt es wenig Wechsel. Es wird dort viel Wert auf Gespräche gelegt. Dabei sind neben dem Pflegepersonal u.a. auch Betreuungskräfte und hauswirtschaftlich Beschäftigte einbezogen. Verbesserungsvorschläge aus dem Team werden aufgegriffen. Zudem legt die Einrichtung einen Schwerpunkt auf kontinuierliche praxisnahe Fortbildung. Die Anliegen der Bewohner:innen müssten wieder mehr in den Vordergrund. In den Einrichtungen müsste eine Kultur aufgebaut werden, die den Zusammenhalt im Team fördert.

Karsten Schrankel ist bei der AOK Hochrhein-Bodensee Koordinator für betriebliches Gesundheitsmanagement. Er stellt das vor einiger Zeit gestartete Projekt Prävention in der Pflege vor. Dabei werden Maßnahmen der Prävention für Pflegebedürftige mit Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung verknüpft. Zwei Jahre lang werden Pflegeeinrichtungen unterstützt, dafür eine gute Basis zu schaffen. Wichtig ist Schrankel die Akzeptanz dieser Maßnahmen. Wer sich noch nicht zutraut, das gesamte Projekt zu stemmen, rät er zu kleineren überschaubaren Maßnahmen. Strukturierte und nachhaltige Prozesse sollten aber überall stattfinden. Wenn Perspektiven vorhanden seien, könne man auch aktuell schwierige Situationen mit kurzfristigen Lösungen umschiffen. Gleichzeitig müsse jedoch an strukturellen Veränderungen gearbeitet werden, um Partizipation auf allen Ebenen zu erreichen.

Dana Taschenberger von der Mettnau Schule für Gesundheit und Pflege bildet Fachkräfte als auch Führungspersonen in der Pflege aus. Wichtig ist ihr, dass alle lernen, auf sich selbst zu achten, sich nicht zu überfordern. Im Lehrplan stehen auch Deeskalationsstrategien. Sie sieht die Schule in der Gesamtverantwortung für die Ausbildung. Neben der Theorie sei die Praxisanleitung der zentrale Punkt. Wenn diese nicht stattfinde, wenn mit Lernenden nicht auf Augenhöhe kommuniziert werde, wenn ohne Rücksprache ihre Dienstpläne geändert würden, zerstöre das ihre berufliche Identität. Taschenberger legt daher großen Wert auf die Qualifizierung von Führungskräften und Praxisanleiter:innen. Es gibt viele Einrichtungen, die gute Konzepte anbieten. Aber bei manchen stehen Finanzen und Abläufe vor den Bedürfnissen der Bewohner:innen und der Beschäftigten. Die geforderten Kompetenzen müssten auch mit einer höheren Entlohnung einhergehen. Dabei auf andere zu warten, sei keine gute Strategie. Veränderungen könnten nur durch die Pflegenden selbst erfolgen. Um ihnen den Rücken zu stärken, könne die Aus- und Weiterbildung einen – wenn auch einen kleinen Teil – beitragen.

Der ASG-Landesvorsitzende Herbert Weisbrod-Frey lud dazu ein, die ermutigenden Anregungen aus der Veranstaltung mitzunehmen und weitere Ideen und Vorstellungen über eine gute Gesundheitsversorgung und Pflege in der ASG einzubringen.  Das sei der erste Schritt:  Aus einer Idee gute Politik werden zu lassen. 

Die in der Veranstaltung genannten Handlungserfordernisse, Empfehlung und Anforderungen an die Politik wird die ASG in weiteren Veranstaltungen konkretisieren. Die Mitwirkung daran ist ausdrücklich erwünscht.

Handlungserfordernisse und Empfehlungen:

  • Schaffung einer Perspektive auf ausreichend Zeit für die Pflege
  • Förderung angemessener Bezahlung
  • Garantie verlässlicher Arbeitszeiten
  • Förderung einer wertschätzenden Führungskultur und Kollegialität
  • Weiterentwicklung des Berufsbildes und attraktiver Tätigkeitsbereiche
  • Schaffung geeigneter Finanzierungsgrundlagen

Anforderungen an die Politik:

  • Mehr und besser qualifizierte Praxisanleiter:innen – 300 Stunden sind zu wenig.
  • Anforderungen an Führungsverantwortliche und Lehrkräfte sowie deren Berufsabschlüsse regeln. Dafür passgenaue Bildungsangebote schaffen.
  • vollständige Finanzierung pflegerischer Leistungen durch die Pflegeversicherung.
  • Trennung zwischen privater und sozialer Pflegeversicherung aufheben.
 

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